Sie schlafen wenig, verbringen den Vormittag ungeduscht im Jogginganzug und haben vergessen, wie sich Sex anfühlt. Stattdessen kämpfen Sie gegen Wäscheberge und Dreimonatskoliken? Eine indiskrete Frage: Wie läuft es in Ihrer Beziehung, was macht die Liebe?
Hier ein paar Fakten. Alle Studien, die sich mit diesem Thema befassen, kommen zum gleichen Ergebnis: Die Geburt eines Kindes ist für Paare ein sehr kritischer Punkt in ihrer Beziehung. Neun von zehn Partnerschaften verschlechtern sich in der Folge, so das Resultat einer Untersuchung über acht Jahre an der amerikanischen Universität in Denver.
Die Ludwigsburger Psychologie-Professorin Barbara Reichle, die über den Übergang vom Paar zur Elternschaft forscht, gelangt zu ähnlichen Ergebnissen. Klingt erst mal ziemlich frustrierend. Die gute Nachricht ist: Die Liebeskrise lässt sich vermeiden. Vor allem kommt es darauf an, die rosarote Brille abzulegen und den Paarfallen bewusst ins Auge zu sehen:
Nach der Geburt eines Kindes herrscht in Deutschland meist immer noch die klassische Rollenverteilung: Der Mann geht arbeiten, die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um das Baby.
Diese Arbeitsteilung wählen 72 Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren, so das Statistische Bundesamt. Das muss für eine Beziehung nicht schlecht sein, wenn alle mit diesem Arrangement einverstanden sind. Studien zur Paarzufriedenheit zeigen, dass die Beziehungen am glücklichsten sind, in denen die Frau ganz in ihrer neuen Hausfrauen- und Mutterrolle aufgeht.
Der Haken: Viele Paare gehen diese Arbeitsteilung eben nicht freiwillig ein. Vielmehr zwingen fehlende Betreuungsangebote und ein familienfeindliches Arbeitsumfeld dieses Rollenmodell den Paaren regelrecht auf. Da Frauen im Schnitt 30 Prozent weniger verdienen als Männer und Betreuungsplätze für Kleinkinder obendrein sehr teuer sind, macht es für die Mehrheit der Frauen finanziell keinen Sinn, weiter in ihrem Beruf zu arbeiten.
Barbara Reichle spricht hier von einer Traditionalisierungsfalle, in die junge Paare tappen. Von Wahlfreiheit keine Spur. „Den meisten Paaren ist nicht ausreichend bewusst, inwiefern sie in mancher Hinsicht Opfer von unvereinbaren gesellschaftlichen Bedingungen sind“, schreibt der Psychologe Jürg Willi hierzu in seinem Buch „Was hält Paare zusammen?” (Rowohlt Verlag).
Für Frauen, die diese Situation als ungerecht empfänden, läge es nahe, ihre Wut beim Partner abzulassen, der ja scheinbar der Hauptprofiteur ihrer Familienarbeit sei, so Willi weiter. Die Männer können zwar in beruflicher Hinsicht in der Regel weitermachen wie bisher, trotzdem fällt es ihnen nicht unbedingt leichter, sich in ihrer neuen Vaterrolle zurechtzufinden, hat Barbara Reichle beobachtet, die an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg lehrt.
Treten Frauen nach der Schwangerschaft beruflich kürzer, stehen die jungen Väter in der Rolle des Alleinverdieners und Versorgers sogar stark unter Druck. Und wenn beide Elternteile Kind und Beruf unter einen Hut bekommen wollen, macht das die Sache nicht einfacher. Diese Paare leiden unter ständigem Organisations- und Leistungsdruck. Besonders für die Mütter ist es, als hätten sie zu ihrem Beruf noch einen Fulltime-Job hinzubekommen.
Die Lösung – ist gar nicht so einfach, denn gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten oder unflexible Arbeitszeiten können wir nur bedingt beeinflussen. „Trotzdem ist es allemal besser, sich über eine familienfeindliche Politik aufzuregen, als die Wut beim Partner abzulassen“, sagt Barbara Reichle.
Wichtig sind vor allem klare Absprachen, die Paare am besten schon vor der Geburt des Babys treffen sollten. Das betrifft auch die Frage, ob und wann die Mutter in den Beruf zurückkehren möchte. Das Ergebnis einer Paarstudie der Psychologin Johanna Graf an der Universität München zeigt: Beteiligen sich Väter aktiv an der Erziehung, stärkt das auch die Partnerschaft.
Sich ums Baby kümmern – den meisten Paaren ist klar, dass sich das nicht schnell nebenbei erledigen lässt. „Doch dass die Versorgung eines Säuglings im ersten Jahr einer wöchentlichen Arbeitszeit von 78 Wochenstunden entspricht, überrascht dann doch“, sagt Sabrina Penn. Die Sozialpädagogin leitet in Augsburg in der Schwangerschaftsberatungsstelle des Sozialdienstes Katholischer Frauen den Kurs für werdende Eltern „Auf den Anfang kommt es an“.
Das Kurskonzept geht weit über die übliche Geburtsvorbereitung hinaus. Die Idee, die hinter dem Programm steckt: erfahrbar machen, wie das Leben mit Baby wirklich ist und wie die Partnerschaft durch das Abenteuer Kind gefestigt werden kann.
Eine der Übungen im Kurs heißt Zeitkuchen. Die Paare sollen abschätzen, wie sich ihre aktuelle Wochenzeit für Partnerschaft, Freizeit, Schlafen, Beruf und Haushalt aufteilt. Anschließend stellen sie den Zeitkuchen erneut zusammen mit einem zusätzlichen Element – dem Baby. „Das gibt in den Kursen immer einen totalen Aha-Effekt“, sagt Sabrina Penn.
Denn mit einem Baby wird freie Zeit zur Mangelware. Besonders an den Stunden, die Paare zusammen genießen, kürzen junge Eltern nach der Geburt eines Kindes, zeigt eine große deutsche Paarstudie.
Die Lösung – die Zeitkuchen-Übung führt Paaren vor Augen, was unausweichlich ist. Nämlich, dass sie ihre bisherigen Zeitanteile für Beruf, Schlafen, Freizeit etc. kräftig verkleinern müssen. Wer sich das klarmacht, kann sich besser auf die Situation einstellen. Ganz wichtig: Die Zeit, die ein Paar zu zweit verbringt, darf nicht völlig auf der Strecke bleiben. Barbara Reichle gibt Eltern den Tipp: „Organisieren Sie sich sobald wie möglich einen Babysitter.“
Katja Töpfer / Baby und Familie;
17.02.2010, aktualisiert am 07.02.2012
Bildnachweis: W&B/Forster & Martin
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